Literaturtheorie

 

Das Drama

Kurze Übersicht

 

Der pyramidale Bau des traditionellen Dramas von Gustav Freytag

 

Wer ein Drama schreiben möchte, sollte sich diese Pyramide immer vor Augen halten:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

a = Die Einleitung oder Exposition. Die Umstände und Vorbedingungen der Handlung werden dargelegt. Ein Auftakt, ein "scharf bezeichnender Akkord", führt in eine Szene ein, die mit Ort, Zeit, Lebensverhältnisse vertraut macht. In der antiken Tragödie stand dafür der Prolog, in dem ein Sprecher die Vorkenntnisse für das Verständnis der Handlung vermittelte.

 

a' = Das erregende Moment. Es bezeichnet die Motivation zur nachfolgenden Handlung. Dargestellt werden Gefühl oder Wille des Helden. Machenschaften der Gegenspieler, die das Folgende veranlassen. Diese besondere Stelle im Drama ist gleichsam der Startknopf, der die Handlung auslöst.

 

b = Die Steigerung. In einer vorgegebenen Richtung entwickelt sich die Handlung mit Stimmung, Leidenschaft, Verwicklung. Ein stufenweiser Fortschritt findet statt, der in einer geordneten Einheit von Neben- und Zwischenszenen auf eine Hauptszene hinführt.

 

c = Der Höhepunkt. Er ist Mittelpunkt des Ganzen und beansprucht "alle dramatische Kraft" des Dichters. Gewöhnlich angelegt als die "Spitze einer groß ausgeführten Szene", tritt hier "das Ergebnis des aufsteigenden Kampfes stark und entschieden" heraus.

 

c' = Das tragische Moment. Es ist die auslösende Szene der fallenden Handlung. In Kontrast zum Höhepunkt gesetzt, beginnt damit oft der neue Akt; häufig wird diese Stelle auch ausgespart.

 

d = Die Umkehr oder fallende Handlung. Nach dem imposanten Höhepunkt entwickelt sich in einer Szenenfolge eine neue Spannung, die eine der ersten Hälfte entgegengesetzte Tendenz aufweist.

 

d' = Das Moment der letzten Spannung. Zur Vorbereitung des Zuschauers auf den Schluss staut sich der Sturz des Helden. Auch diese Stelle wird oft übergangen.

 

e = Die Katastrophe. Diese Schlusshandlung löst die Befangenheit der Charaktere und zeigt "die vollständige Verwüstung des Lebens eindringlich". Es gilt ihren Eindruck schonungslos aufzureizen, um "eine in sich abgeschlossene, gänzlich vollendete Handlung" dazustellen. Dem Kampf eines Helden hat in einer inneren Notwendigkeit seine Zerstörung zu folgen.

 

 

Die fünf Teile des Dramas gehen mit Überschneidungen in den traditionellen fünf Akten auf:

 

1.      Der Akt der Einleitung enthält den Auftakt, die Exposition, das erregende Moment und die erste  Szene der Steigerung.

2.      Der Akt der Steigerung zeigt den Kampf des Helden in vermehrter Spannung.

3.      Der Akt des Höhepunktes zentriert sich auf eine hervorstechende Dramenmitte, die schon am Anfang des Aktes liegen kann.

4.      Der Akt der Umkehr führt die Gegenkräfte zur Wirkung.

5.      Der Akt der Katastrophe zeigt die Lösung der Kräfte auf.

 

 

Wir haben das klassische Drama kennen gelernt, das eine fließende Beziehung zwischen Innen und Außen und eine Freiheit im Denken und Handeln voraussetzt, aber erst Shakespeares Hamlet ist die erste Dramenfigur, die diese Beziehungen beinhaltet. Hamlet ist der erste Charakter, der eine Störung der Einheit von Gedanke und Tat austrägt und damit zum Inbegriff eines modernen Menschen wird. Hamlet verheddert sich im Denken und findet nicht zur Tat.

Shakespeare Historien haben eine scheinbar verwilderte Struktur, die als Gegensatz zur strengen Gestalt des klassischen Dramas gesehen wird und als "offene Form" des Dramas gilt.

Seit dem letzten Drittel des 18. Jh. entwickelt sich so ein Drama, das in der Regellosigkeit das Ideal natürlicher Form sieht. Es orientiert sich an Volkstheater und Fastnachtsspielen und aktiviert einen bisher passiven Zuschauer in einem Lachtheater. Statt der Regelpoetik des Aristoteles wird auf den antiken Komödiendichter Aristophanes Bezug genommen und auf einen verlorengegangenen Teil der aristotelischen Poetik, der die Komödie und das Lachen abhandelt. Dieser Umbruch vom kanonisierten aristotelischen Drama zu einem aristophanischen ist unter dem Begriff der "Krise des Dramas" in die Literaturgeschichten eingegangen.

 

Es entsteht eine Umwertung. Eine Folge davon ist die Änderung der dialogischen Form des Dramas zur epischen. Dadurch gewinnt die Novelle des 19. Jh. an Bedeutung, sie ist die epische Form, die dem Drama am nächsten verwandt ist und eine Ersatzfunktion einzunehmen vermag.

© Karin Graf-Braun              Quellen: UTB Literaturwissenschaft